In den folgenden Tagen werde ich hier Kurzzusammenfassungen der Filme geben, die ich mir angesehen habe. Hier die ersten von Freitag und Samstag:
Rachid Bouchareb: La voie de l’ennemie
Interessantes Thema: Ein nach dem Mord an einem Polizisten
nach 18 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassener, der inzwischen zum Islam
konvertiert ist, schafft es nicht, ein neues Leben anzufangen, weil ein
reaktionärer Sheriff (Harvey Keitel), der ihm den Mord am Kollegen nicht
verzeiht, und sein Kumpel aus
Gangsterzeiten (Luis Guzman) das verhindern wollen. Die Handlung ist
sehr linear: Von Anfang an hängt das drohende Unglück über Forest
Whitacker und man zweifelt nicht wirklich an dessen Erfüllung. Unbedfriedigend ist diese Entwicklung, weil die
Geschichte um das neue Leben mit Dolores Heredia zu
andeutungsweise skizziert ist, fast als sei dem Regisseur die einfach angebahnte Liebesgeschichte nicht geheuer gewesen. Zwischendurch gehen Figur und Geschichte dann völlig verloren. Emotionale Nähe wird mehr behauptet als gezeigt. Der Film krankt aber auch daran, dass die Akteure mit den Unausgewogenheiten des Buchs sehr unterschiedlich umgehen. Harvey Keitel und die Bewährungshelferin
Brenda Blethyn streiten sich handfest und überzeugend um den Exhäftling weil hier auch der Konflikt mehr bietet als nur Erfüllungsgehilfe eines prädestinierten Ausgangs zu sein. Da sieht man gerne zu und verschmerzt die Szenen, in denen der Sheriff um ein unbekanntes totes Kind weint und die Bewährungshelferin eher unmotiviert in den Sand tritt. Aber dem ehemaligen Sträfling bleibt nichts übrig, als die Emotionen, die ihn immer wieder überwältigen, fast für die
letzte Reihe zu spielen. Die Vorlage Two men in a town kenne ich nicht.
Man kann aber vermuten, dass es eher ein unterkühlter Film war. Diese Temperatur der Darstellung fehlt hier. Es wird immer da, wo der Plot nicht reicht, auf Expressivität gesetzt. Es hätte diesem Film aber gutgetan, wenn er bei den guten Anlagen der Figuren versucht hätte, die inneren
Konflikte facettenreicher zu gestalten, damit die Darsteller nichts
externalisieren müssen, was in dieser Stärke nicht angelegt ist, sonst laufen sie seltsam leer in ihrer Aufgewühltheit, wo an manchen Stellen hätte stehen können: No acting required.
Überhaupt interessant, dass ein französischer Regisseur mit algerischen Wurzeln das Remake eines 70er Krimiwestern in New Mexico mit englischen, mexikanischen und amerikanischen Stars dreht. Eine Art "Global Pudding".
Edward Berger: Jack
Filme mit Kindern sind in Deutschland immer Problemfilme. Trotzdem ist "Jack" ein Beispiel, dass Problem und Humor sich nicht ausschließen müssen und insofern ein gelungener deutscher „Kinderfilm“, der das sozial schwere Thema in der Schwebe hält, auch dank eines tollen
Kinderhauptdarstellers. Jack (9) lebt mit seiner allein erziehenden Mutter und dem
Bruder (5) in Berlin. Aber die Mutter kümmert sich mehr um ihre Lover als die
Kinder. Jack ist somit auch für den Bruder Haupterzieher und nimmt die Aufgabe
ernst, wird aber wegen der Vernachlässigung der Mutter in ein Heim gesteckt. In
den Sommerferien will er nach Hause, aber die Mutter ist mal wieder nicht da.
So ziehen Jack und Manuel zwei Tage auf der vergeblichen Suche nach der Mutter
durch Berlin, klauen, verlieren sich und treffen immer wieder vor der Tür der
Wohnung ein. Als die Mutter wieder auftaucht, entschließt sich Jack, mit Manuel
freiwillig ins Heim zu gehen. Diese Schlusswendung ist allerdings ein wenig
problematisch. Nicht nur, weil ihr im Sinne der Fallhöhe im Vorfeld allzu sehr
entgegengearbeitet wird, sondern auch, weil es kaum glaubhaft scheint, dass der
Neunjährige so vorausschauend abgeklärt ist, dass er anhand der sparsamen Zeichen
liest und versteht, dass seine Mutter nicht eine Sekunde an die Kinder gedacht
hat. Zu viel wird getan, um die Mutter zu finden, endlich in die Wohnung zu
gelangen, zu wenig Affront bietet die Wiederversöhnung der Familie, um diesen
Schritt zu rechtfertigen, der an dieser Stelle als pädagogische Aussage, dass
es besser wäre, solche Eltern zu verlassen, über die Glaubwürdigkeit der
Emotionen der Kinder gestellt wird, die ansonsten mit äußersten Genauigkeit
verfolgt werden. Aber das ist eine Kritik des fehlenden dramaturgischen
Sahnehäubchens an einem Film, der über weite Strecken trotz der gewagten Anlage
eines Films mit ausschließlich Kinderhauptdarstellern sehr überzeugt. Ein
weiterer Abzug in der B-Note: Die Musik. Sie wäre vollständig entbehrlich gewesen
und zeigt die Momente dramatischer innerer Bewegung mit einer Penetranz an, die
der Banalität des musikalischen Motivs entspricht. Ein Moll-Akkord,
Dominantsept, Streicher, gefühlt Mahler, aber eben überflüssig pathetisch und
in gewisser Hinsicht auch zu pädagogisch: Sie lässt dem Zuschauer nicht die
Freiheit, die ausdrucksstarken Momente selbst zu sehen und zu bewerten.
Yann Demange: 71
Tendenziell überflüssiger, aber spannender Film über einen
zweifelhaften Einsatz der britischen Streitkräfte in Belfast 1971, bei dem ein
britischer Soldat hinter die Linien gerät und dank Hilfe von Freund und Feind
überlebt. An keiner Stelle wird der nordirische Konflikt überzeugend
verstehbar, die Kriegssituation und das Überlebenwollen werden gesetzt und als dramaturgisches Spannungsfeld ausgebeutet. Die Rhetorik des Antikriegsfilms, der insgeheim den Ausnahmezustand bewundert, der Helden schafft, findet hier eine neue Auflage. Statt die
generelle Sinnlosigkeit der Aktion zu beschreiben, die zum Verschwinden des
Soldaten führt, wird ein klarer Schuldiger gefunden: Der allzu blauäugige und
lasche Kommandant der Einheit, dem es an militärischer Schärfe fehlt. Es wäre stärker gewesen, wenn der
Soldat seine Notlage selbst verschuldet hätte. Die Auflösung ist
verworren und extrem zufällig. Aber immer spannend. Ich habe nicht gezählt, wie oft Private Hook dem Tod von der Schippe springt. Mindestens ein halbes Dutzend mal. Gefährliche Inflation.
Weil's noch nicht genug war, habe ich mir gestern Nacht im "Lichtblick" noch angesehen:
Matt Porterfield: I used to be darker
Habe ich letztes Jahr verpasst und auch im Kino.
Der Titel ist mir im Film nicht untergekommen. Ansonsten
schöne und dezent erzählte Familiengeschichte über ein in Trennung befindliches
Musikerpaar und die adoleszente Tochter. Cousine Taryn aus Irland, die
unangemeldet in diese Situation platzt, ungewollt schwanger ist und sich glatt
ein Techtelmechtel mit dem neuen Lover der Mutter leisten würde. Die
Auseinandersetzungen werden alle mit äußerstem Feingefühl in der Schwebe
zwischen Tragik und Komik gehalten. Der Film bekommt dadurch eine
Lebenswirklichkeit, die auch durch das offene Ende nicht beschädigt wird.
Diverse Szenen mit überraschender Führung, viel Musik im On, keine Filmmusik,
äußerst präzise eingesetzt. Zum Beispiel, wenn der Vater im Frust alte
Freejazzplatten hört und vergessen hat, den Plattenspieler (!) auszustellen,
während er auf einer Luftmatratze im Swimming-Pool liegt, oder die Szene, in
der er noch mal alte Songs zur Gitarre singt und wegen der Textzeilen, die dazu
gehören, am Ende mit zwei kurzen Hieben gegen einen Pfeiler die Gitarre
zerschlägt. Alle Figuren haben ihr Eigenleben, wollen, wie der Schlusssong der
Mutter sagt, „living honestly“ und tun das in der Extremsituation auch, ohne
dass daraus dramatisch unnötig Kapital geschlagen würde. Dadurch sind auch die
irrationalen Reaktionen der Teenager eingebettet in eine trotz aller
Auseinanderbrüche warme Atmosphäre. Sehr schöner Film.
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